Des Teufels General

Speed - eine Gesellschaft auf Droge
Während Medien und Öffentlichkeit einen Krieg gegen das weit verbreitete, organische Cannabis und das darin enthaltene THC führen, haben sich so genannte “Designerdrogen” ihren festen Platz in der Leistungsgesellschaft erobert. Es wird fein unterschieden zwischen “guten” und “schlechten” Drogen, “sinnvollen” und “schädlichen”, “legalen” und “illegalen” Drogen. Eine Hauptkomponente dieses “Gut-Böse-Spiels” ist die Droge “Speed”, das synthetisch hergestellte “Amphetamin”, weil es in verschiedensten Versionen mal legal, mal illegal, als Medikament genauso wie als Spassdroge, oft mit Alkohol und anderen “harten” Drogen angeboten, angepriesen, verschrieben, massenhaft konsumiert wird. Wer beim Haschischrauchen erwischt wird, riskiert heute in der BRD den Führerscheinentzug. Auch deshalb wird Speed in Zeiten zunehmender Drogenkontrollen gerne konsumiert, weil sein Gebrauch nur schlecht nachweisbar ist. Das chemische Herstellungsverfahren garantiert außerdem stabile Billigpreise und massenhaften Nachschub. “Speed” ist ein Bestseller im Angebot der legalen und illegalen Pharmaproduzenten.

“Das Mittel zur Überwindung des vertrauten Verhaltens von Körper und Geist” hat der rumänische Chemiestudent Lazar Edeleanu vor 120 Jahren “in einem Experimentalseminar der Berliner Humboldt-Universität” zum ersten Mal hergestellt. In seinem Buch “Speed – eine Gesellschaft auf Droge” führt Hans-Christian Dany die Leser von der Entstehung durch die auffällige Kulturgeschichte dieser Substanz. “Die Sehnsucht des Menschen, sich zu verbessern, liefert ein Motiv, das mit Amphetamin perfekt zusammenpasst” (S. 12). In der Mode, bei Künstlern, Sportlern und im Alltag der Industriegesellschaft macht sich “Speed” beharrlich und nachhaltig immer wichtiger, passend zur Leistungssteigerung in der Produktion, im Krieg und der modernen Gesellschaft. Von Anfang an wurde “Speed” gleichermaßen missbraucht wie gezielt eingesetzt: Künstler nutzen den Rausch für ihre Kreativität, das Militär nutzt dieselben Wirkungen für den Sturmangriff, den Blitzkrieg und zum Durchhalten. Im Dritten Reich wurde das Super-Speed “Metamphetamin” entwickelt und als kriegswichtige Substanz tonnenweise produziert. Der Führer selbst, die SS, die Wehrmacht nutzten seine Wirkung für den totalen Krieg. Im 1954 produzierten Kriegsfilm “Des Teufels General” lässt sich der Luftwaffengeneral Harras, alias Ernst Udet, einige “Muntermacherpillen” munden und die Zuschauer zu dieser Zeit dachten dabei voraussichtlich nicht an Drogen. Als 1956 die deutsche Fußballnationalmannschaft gegen Ungarn in Bern zum ersten Mal Weltmeister wurde, wird später von “Spritzen” in den Umkleidekabinen berichtet und mehrere Nationalspieler erkrankten an Hepatitis. Dass hier “Speed” ins Spiel gebracht wurde, streiten die alten Kameraden noch heute ab. Auch wenn sie lügen sollten, kann ihnen trotzdem kein Unrechtsbewusstsein unterstellt werden, da Dopingkontrollen erst seit den Olympischen Spielen 1968 durchgeführt werden.

H.-D. Dany hat eine Menge Hinweise für die Verknüpfung dieser Droge mit dem sogenannten Fortschritt in der modernen Gesellschaft gefunden. In seiner Drogengeschichte treten auf: Jack Kerouac, William S. Burroughs, Johnny Cash, John F. Kennedy, Elvis Presley (als drogenabhängiger Drogenfahnder!), Jean-Paul Sartre, die RAF, Andy Warhol, Philip K. Dick, Oliver Sacks, das US-Militär, Tom Wolfe, Die Einstürzenden Neubauten, Christiane F., HIV, Techno, Cyberpunk und viele mehr. Dass “Amphetamine und ihre vielfältigen Abkömmlinge” zu den meist hergestellten und konsumierten Drogen zählen, liegt weiterhin an ihrem Einsatz im Medikamentenkoffer der Ärzte: die bekanntesten legalen Präparate aus der Amphetamin-Familie sind “Ritalin” und “Vigil” , das eine gegen die “Zappelkrankheit”, das andere für das Funktionieren in der Leistungsgesellschaft. “Drogen sind weiterhin die effizienteste Warenform der Gesundheitsindustrie. Sie bieten die schnelle Lösung von Problemen” (S. 175).

“Der Wunsch, mehr Energie zu besitzen, als einem zur Verfügung steht, dürfte den meisten vertraut sein” (S. 178). Dass sich aus einem solchen, menschlichen Gefühl eine Gesellschaft entwickelt hat, die alles menschliche schlecht redet und nur Leistung und Effizienz misst, scheint eine zwangsläufige Folge vieler miteinander verbundener Aktivitäten zu sein. Dany hat mit seinem Buch einen Einblick in dieses Netz des Funktionalen geliefert und durch den Blick auf die Droge ein wenig Klarheit über den Zustand unserer Gesellschaft geliefert. Dass dieser nüchterne Blick bei vielen Menschen nicht auf Begeisterung stoßen wird, liegt in der Natur der Erkenntnis: “Allein die Leistung erlaubt, sich gut zu fühlen. Arbeitsdrogen werden zu Glückspillen, weil nur, wer mehr arbeitet, eine Ahnung vom Glück bekommt” (S. 178).

Ein lesenswertes Buch für Alle, die nicht bewusstlos und fremdbestimmt durchs Leben rauschen wollen.

Hans-Christian Dany, Speed – eine Gesellschaft auf Droge, Nautilus-Verlag, 2008, 192 S., 14,90 €

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